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Online-Fachtag zur inklusiven Lernkultur

29.07.2021   |   Autor: Matthias Müller-Stehlik

Die Organisatoren waren mehr als glücklich darüber, dass dieser Fachtag nun endlich stattfinden konnte. Bereits für März 2020 geplant und aus bekannten Gründen leider ausgefallen, luden die Volkshochschulen Landkreis Gießen, Frankfurt am Main und die vhs der Bildungspartner Main-Kinzig (BiP-vhs) gemeinsam mit dem Landesverband Hessen im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. für den 29. Juni zu einem Online-Fachtag im Rahmen des Projekts „Inklusion an hessischen vhs“. Nach der langen Zeit war es durchaus positiv bemerkenswert, dass Referent*innen, die im letzten Jahr bereits zugesagt hatten, zu dieser Zusage nun auch im veränderten Format standen, was Alexander Wicker, Leiter des Projekts „Inklusion an hessischen vhs“ an der BiP-vhs, in seiner Begrüßung entsprechend würdigte.

Im Mittelpunkt standen Möglichkeiten inklusiver Bildung in Museen, Gedenkstätten und historisch-politischen Bildungsangeboten mit regionalem Bezug, wie das der Lernstation Kriegsgräberstätte im Bildungshaus Main-Kinzig. Es referierten Brigitte Vogel-Janotta, Fachbereichsleiterin Bildung und Vermittlung in der Abteilung Ausstellungen im Deutschen Historischen Museum Berlin (DHM), Kathrin Bauer, pädagogische und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Gedenkstätte Grafeneck, Dr. Götz Hartmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim LV Hessen im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. und Wiebke Bathe, die dort Referentin für Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit ist.

Die Teilnehmer*innen des Fachtags, die sowohl aus dem Bereich der Erwachsenenbildung als auch von Betroffenenverbänden im Online-Konferenzraum zusammengekommen waren, erwarteten entsprechend interessiert die Vorträge der Referent*innen.

Zum Auftakt der Veranstaltung erläuterte Alexander Wicker die langjährige Kooperation zwischen dem Volksbund und der BiP-vhs, in deren Rahmen der Volksbund 2011 zu den 40 Mitmach-Exponaten im damals neuen Bildungshaus eine Lernstation zu regionalhistorisch-politischer Bildung im Bildungshaus in Gelnhausen beigesteuert habe. Dabei betonte Wicker die Vorteile solcher institutionenübergreifender Arbeitsprozesse, die vor allem in Bezug auf Inklusion sehr fruchtbar seien. In diesem Zusammenhang nutzte er die Gelegenheit, die Wissens- und Community-Plattform InklusiveLernkultur.de vorzustellen, die in gemeinschaftlicher Arbeit mit dem Behinderten-Werk Main-Kinzig e. V. (BWMK) entwickelt wurde. Ziel dieser Plattform sei es, so Wicker, den Erfahrungsaustausch rund um die Entwicklung inklusiver Bildungszugänge zu fördern.

Brigitte Vogel-Janotta – Inklusion im Deutschen Historischen Museum

Das Austausch und Kooperation wichtige Elemente in der Konzeption inklusiver Zugänge sind, wurde auch anhand des anschließenden Vortrags über Inklusion im Deutschen Historischen Museum (DHM) von Brigitte Vogel-Janotta deutlich.

Denn, so Vogel-Janotta, Menschen, die selbst nicht durch spezifische Barrieren behindert werden, haben oftmals keine Vorstellung von diesen Barrieren. Umso wichtiger sei es, Zielgruppen in inklusive Entwicklungsprozesse als Ratgeber*innen einzubeziehen.
Solange Mitarbeiter*innen von Museen nicht die Gesellschaft in ihrer Bandbreite repräsentierten, seien Institutionen darauf angewiesen, sich Expert*innenwissen von außen zu holen. So seien etwa die Bedürfnisse von blinden Menschen sehr unterschiedlich. Menschen die von Beginn ihres Lebens erblindet seien, hätten andere Bedürfnisse als Menschen, die im Laufe des Lebens erblindet seien. Erstere Zielgruppe wünschte etwa eher Texte in Brailleschrift und zweitere eher Texte in Prägung, da die Brailleschrift nicht erlernt wurde. Diese Expertise könne nur von Selbstvertreter*innen der unterschiedlichen Zielgruppen vermittelt werden. Vor diesem Hintergrund habe das DHM seit 2014 die Zusammenarbeit mit dem Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin e. V. (ABSV), mit unterschiedlichen Partnern aus der Gehörlosen-Community und mit Prüfgruppen für Leichte Sprache intensiviert.

Einen Impuls hierzu, berichtet Vogel-Janotta, habe eine Podiumsdiskussion gegeben, die am 3. Dezember 2014, dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung, im Rahmen der Sonderausstellung „The Eyes of War. Fotografien von Martin Roemers“ stattgefunden habe. Die Ausstellung zeigte Porträtfotografien von Menschen, die während oder in Folge des Zweiten Weltkriegs erblindet waren. Vertreter*innen von Behindertenverbänden des Landes Berlin sowie von Kultureinrichtungen seien zu einem Podiumsgespräch mit dem Titel „Barrierefreies Museum“ eingeladen worden. Beim Ausstellungsdesign hatte man bewusst inklusive Ansätze aufgegriffen und die Präsentation gezielt auch für blinde und sehbehinderte Besucher*innen erschlossen. Den häufig zu beobachtenden Zusammenhang zwischen Menschen mit Behinderungen als Thema einer Ausstellung oder eines Museums bzw. einer Gedenkstätte und deren inklusiver Ausrichtung haben schon Judith Sucher und Alexander Wicker 2016 in einem Beitrag für lernen-aus-der-geschichte.de aufgezeigt.

Im Zuge dieser Zusammenarbeit sei ein taktiles Bodenleitsystem im DHM verlegt worden. Zur Orientierung im Raum wurde darüber hinaus ein taktiler Grundriss entwickelt und zu jedem Porträt habe eine Audiodeskription zur Verfügung gestanden, so Vogel-Janotta. Während des Podiumsgesprächs seien u. a. auch betroffene Besucher*innen zu Wort gekommen, die ihre Kritikpunkte und Lösungsvorschläge bzw. persönlichen Bedarfe kommunizieren konnten. In dem Zusammenhang sei auch der Unterschied zwischen Barrierefreiheit und Inklusion aus verschiedenen Perspektiven heraus diskutiert worden.

Daraus entstand schließlich eine abteilungsübergreifende Arbeitsgruppe innerhalb des Hauses. Zielsetzung der „AG Inklusives Museum“ sei die Entwicklung hin zu einem Museum, das als Arbeitgeber und Dienstleister Barrieren kontinuierlich abbaut oder sie zumindest überwindbar macht. Damit sollte sich das DHM für alle öffnen, um ein Ort gesellschaftlicher Inklusion zu werden. Um diese Zielsetzung zu erreichen, sei die AG aus Mitgliedern fast aller Abteilungen und fast aller Fachbereiche des Museums zusammengesetzt worden, um Inklusion als eine Querschnittsaufgabe zu bearbeiten. Seit der Gründung treffe sich die Arbeitsgruppe einmal monatlich und erarbeite generelle Richtlinien für eine inklusive Museumspraxis. Die Umsetzung werde zudem in Zusammenarbeit mit Behindertenorganisationen unterstützt.

Darüber hinaus betonte Vogel-Janotta, dass barrierefreie und auf Inklusion zielende Angebote für alle, ob Mitarbeitende oder Besuchende, einen Mehrwert bringen müsse. Daher solle Inklusion im Museum selbstverständlich mitgedacht und nicht als zusätzlicher Kosten- oder Arbeitsfaktor gesehen werden. Es gehe dabei immer einerseits um die Hinterfragung von Prioritätensetzungen bei der Mittelvergabe und andererseits um die Bewusstmachung des Themas.

Zur Sensibilisierung von Mitarbeitenden seien DHM-intern Informationsveranstaltungen durchgeführt worden. In den Mittelpunkt der Veranstaltungen habe die AG zukünftige Aufgaben des Museums gestellt, die im Zusammenhang mit dem Grundrecht auf Inklusion der UN-Behindertenrechtskonvention und dem Nationalen Aktionsplan zu erstreben seien. Der Deutsche Museumsbund hat hierzu im Jahr 2013 den Leitfaden: Das inklusive Museum – Ein Leitfaden zu Barrierefreiheit und Inklusion herausgegeben.

Darüber hinaus habe es im Zuge themenbezogener Tagungen und Veranstaltungen neue Impulse gegeben, die als Anstoß zu verschiedenen neuen Kooperationen und Projekten genutzt worden. Um Mitarbeiter*innen für die Herausforderungen im eigenen Arbeitsbereich zu schulen, seien neben den Informationsveranstaltungen zusätzlich mehrteilige Fortbildungen zur „Inklusiven Kompetenzentwicklung“ im DHM angeboten worden.

Als eine der ersten Maßnahmen seien alle Ausstellungseröffnungen in die Deutsche Gebärdensprache (DGS) übersetzt worden. Ebenfalls überarbeitet worden sei die DHM-Internetseite, die inklusive Angebote in DGS und in Leichter Sprache bewerbe. Bei allen Ausstellungskonzeptionen werde zukünftig von Beginn an die Einplanung von inklusiven Elementen diskutiert und die Anforderung in vertragliche Vereinbarungen mit den jeweiligen Kurator*innen, Gestalter*innen und Museumspädagog*innen einbezogen. In einer Auflistung für Kurator*innen würden die Ziele des Inklusiven Museums formuliert und die Bedingungen für die Umsetzung genannt.

Seitdem seien im DHM zahlreiche Ausstellungen inklusiv zugänglich gestaltet worden. Hierbei sei u. a. ein Konzept für sogenannte Inklusive Kommunikations-Stationen (IKS) entwickelt worden, das in enger Abstimmung mit Kurator*innen und dem Vermittlungsteam umgesetzt wurde. An den Stationen könnten Besuchende Modelle, Medien und Leitobjekte auf runden Tischen ertasten. Das gestalterische Kernstück der IKS sei seither eine sechseckige, drehbare Trommel, auf der gleichberechtigt fünf Informationsebenen präsentiert würden. Sprachlich gebe es neben dem deutschen und dem englischen Standardtext, eine Variante in Leichter Sprache, die Übertragung in Brailleschrift sowie ein Video in Deutscher Gebärdensprache. Zusätzlich, so Vogel-Janotta, biete der Audioguide den Text als Hörversion. An Stationen mit Audioangeboten, wie etwa Filmtönen, Originalaufnahmen, Musik oder Audiodeskriptionen, befinde sich immer links der Trommel ein Kopfhörer. An allen Stationen stehe rechts ein Stockhalter für Blindenlangstöcke und Gehhilfen zur Verfügung. Dadurch würden die Hände zum Tasten frei. Die gleichwertige Präsentation der jeweiligen Textfassungen habe den Vorteil, dass Besucher*innen ohne Rechtfertigungsdruck genau die Version nutzen können, die sie benötigen. Zugleich würde durch die gleichwertige Textpräsentation über unterschiedliche Bedürfnisse von Menschen aufgeklärt.

Stationen innerhalb inklusiver Ausstellungen, wie auch die aktuelle Sonderausstellung documenta. Politik und Kunst, die vom 18.06.21 bis zum 09.01.22 im DHS besucht werden könne, würden, neben den Inklusive Kommunikations-Stationen, inzwischen auch immer an das taktile Bodenleitsystem angeschlossen. Dabei achte man darauf, dass diese für Standardrollstühle überfahrbar konstruiert seien. Am Eingang der Ausstellungen würden zusätzlich taktile Grundrisspläne installiert, auf denen Raumtexte in den oben genannten Sprachversionen zur Verfügung stünden.


Abb.1 Vogel-Janotta 2021, Leitsystem und taktiler Grundrissplan im Foyer der Ausstellungshalle, Präsentation Fachtagung

Nach jedem Ausstellungsaufbau werden seit 2016 Expert*innengruppen zu einem selbständigen Ausstellungsbesuch mit anschließender Auswertung eingeladen. Soweit Änderungswünsche noch umgesetzt werden könnten, erfolge dies auch nach Ausstellungseröffnung. So seien beispielsweise kurz nach Eröffnung der Ausstellung „Alltag Einheit“ im Jahr 2015 auf Wunsch des ABSV noch Texte in Großschrift in die Ausstellung eingebracht worden, um den Bedürfnissen der Zielgruppe zu entsprechen.

Abschließend zog Vogel-Janotta eine positive Bilanz. So zeige sich insgesamt, dass die Mehrzahl der Besucher*innen die Inklusiven Kommunikations-Stationen nutzten. Auch Menschen, die gesellschaftlich nicht als Zielgruppe für Inklusion wahrgenommen würden, seien etwa über das Angebot größerer Schrift dankbar gewesen. Gleiches gelte für Besucher*innen mit geringen Deutschkenntnissen, die die Verständlichkeit der Leichten Sprache zu schätzen wüssten. Aber auch die Gesten der Deutschen Gebärdensprache zögen die Blicke interessierter Besucher*innen auf sich. Darüber hinaus nutzte eine Vielzahl von Besucher*innen die Mitmach- und Tastangebote, sei es zur Erheiterung, zur sinnlichen Wahrnehmung oder für Gespräche.

Die IKS unterstützen Besucher*innen mit unterschiedlichen Voraussetzungen und jeden Alters beim Wissenserwerb am Bildungsort Museum. Spielen, Riechen, Schreiben, Hören, Fühlen und Sehen führten während der Nutzung der Angebote zu handlungsorientiertem und ganzheitlichem Lernen. Diese Impulse und partizipativen Ansätze könnten das Lernen in Ausstellungen befördern, wenn sie das Ausstellungsthema aufgriffen und mit unterschiedlichen Darstellungsformen Aufmerksamkeit weckten. Diese Einladung zur Annäherung unterschiedlicher Perspektiven könne bei der Erschließung von historischen Zeugnissen helfen und das Interesse für die dahinterstehenden Geschichten umso mehr wecken, so Vogel-Janotta.
Mit den abschließenden Worten von Brigitte Vogel-Janotta endete der sehr interessante Vortrag über den inklusiven Entwicklungsprozess des DHM.

Im Anschluss hieran berichtete die pädagogische- und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Gedenkstätte Grafeneck Kathrin Bauer über das Projekt "Barrierefreie Gedenkstätte", welches von 2014 bis 2016 umgesetzt wurde.

Kathrin Bauer - „Barrierefreie Gedenkstätte“ – historisch-politische Bildungsangebote für Menschen mit Lernschwierigkeiten an der Gedenkstätte Grafeneck

Um auf Herausforderungen und Fortschritte eingehen zu können, die im Rahmen des Projekts "Barrierefreie Gedenkstätte" entstanden sind, sei es zunächst notwendig die außergewöhnliche Bedeutung Grafenecks im Nationalsozialismus zu erläutern, so die pädagogische und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Gedenkstätte Grafeneck, Kathrin Bauer. Aufgabe der Gedenkstätte sei es, an die 10.654 Opfer – Erwachsene wie auch Kinder – zu erinnern, die im Rahmen der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen in Grafeneck ermordet wurden. Die Opfer stammten nicht nur aus dem heutigen Baden-Württemberg, sondern auch aus Hessen, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Bayern. Insgesamt seien zwischen 1939 und 1941 Menschen aus 49 Behinderteneinrichtungen und psychiatrischen Kliniken in Grafeneck ermordet worden. Grafeneck stehe als erstes von dann sechs Tötungsanstalten für den Beginn der Morde der „Aktion T4“ und damit für die Ermordung von Menschen, die im Nationalsozialismus als „lebensunwert“ stigmatisiert und aus der Gesellschaft – mit äußerster Brutalität – ausgeschlossen worden. Darüber hinaus markiere Grafeneck den Beginn der systematisch-arbeitsteiligen und industriellen Ermordung von Menschen überhaupt.

Heute, so Bauer, sei in Grafeneck neben der Gedenkstätte eine diakonische Einrichtung der Samariterstiftung untergebracht. Etwa 70 Menschen mit geistiger Behinderung und psychischen Erkrankungen lebten und arbeiteten in Grafeneck. Die Bewohner*innen lebten hier im Wissen über die Vergangenheit ihres Wohnortes. Aufgrund der historischen Alleinstellungsmerkmale sei die Gedenkstätte im Zusammenhang mit dem Abbau baulicher Barrieren mit spezifischen Herausforderungen konfrontiert. Denn die Gedenkstätte auf der Schwäbischen Alb sei neben Barrieren, die aufgrund der geografischen Lage gegeben seien, auch mit baulichen Herausforderungen der historischen Gebäude konfrontiert. Daher sei z. B. ein barrierefreier Neubau eines Ausstellungsgebäudes nicht möglich und man müsse sich mit den Gegebenheiten vor Ort arrangieren.

Die aktuelle Ausstellung im Dokumentationszentrum, die neben verschiedenen Erinnerungsstationen auf dem gesamten Gelände zu besichtigen ist, befindet sich auf einer baulich barrierefreien und zusammenhängenden Etage. Dadurch sei es auch für Menschen möglich, die etwa auf einen Rollstuhl angewiesen sind, die gesamte Ausstellung zu betrachten. Leider sei die bauliche Barrierefreiheit hinsichtlich der Bibliothek im Obergeschoss des Gebäudes nicht gegeben. So sei die Bibliothek bis heute lediglich über eine Treppe zugänglich, da die räumlichen Kapazitäten der unteren Etage bereits vollständig ausgeschöpft seien und somit eine Verlegung der Bibliothek in das Untergeschoss nicht möglich sei. Auch im Hinblick auf die Umgestaltung der Ausstellungstafeln für alle Zielgruppen zeige der Platzmangel des Dokumentationszentrums dem Vorhaben „Barrierefreie Gedenkstätte“ seine Grenzen auf. Daher würde derzeit eine Erweiterung der Ausstellung geplant. Hierzu würde ein neues Raumkonzept erstellt, das Inklusion von vornherein berücksichtigt. Das neue Konzept, solle dann auf der unteren Etage des Schlosses umgesetzt werden.


Abb.2 Bauer 2021, aktueller Ausstellungsraum im Dokumentationszentrum Grafeneck, Präsentation Fachtagung

Im Rahmen des Projekts „Barrierefreie Gedenkstätte“ seien dennoch in den Jahren 2014 bis 2016 Möglichkeiten geschaffen worden, spezifischen Barrieren zu begegnen. So könnten inzwischen Besucher*innen im Büro der Gedenkstätte Audioguides mit einer Hörversion der Ausstellung in Leichter Sprache ausleihen oder einen Orientierungs-Plan in Leichter Sprache erhalten, um sich in der Gedenkstätte zurechtzufinden. Darüber hinaus werde ein Ausstellungsbegleitband in Leichter Sprache zum Kauf angeboten. Die Angebote, so Bauer, seien gemeinsam mit dem Arbeitskreis Selbstbestimmung Reutlingen und der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg entwickelt worden. Darüber hinaus sei ein pädagogisch-didaktisches Konzept für Seminare erstellt worden, welches in Zusammenarbeit mit dem Diplom-Sonderpädagogen und Sonderschullehrer Sebastian Priwitzer und der Historikerin Franka Rößner entstand. Hierbei habe die Reduzierung kognitiver, sprachlicher und sensorischer Barrieren im Mittelpunkt gestanden, wodurch Bildungsangebote für Menschen mit Lernschwierigkeiten etabliert werden konnten. Texte in Leichter Sprache zur Ergänzung der Dauerausstellung im Dokumentationszentrum sind entstanden und die Homepage der Gedenkstätte werde in Kürze in Leichter Sprache aufrufbar sein.

Darüber hinaus können alle Angebote für Klassen und Gruppen von Menschen mit Behinderungen kostenlos angeboten werden. 2017 wurde dies durch Spenden und die Unterstützung der Stiftung „Zeit für Menschen“ realisiert.

Im Anschluss an Kathrin Bauers Ausführungen zur Gedenkstätte Grafeneck stellten Dr. Götz Hartmann und Alexander Wicker die Lernstation Kriegsgräberstätte und ihre Weiterentwicklung zur barrierearmen Lernstation vor.

Dr. Götz Hartmann und Alexander Wicker - Vorstellung der barrierearmen „Lernstation Kriegsgräberstätte“

Dr. Hartmann wies gleich zu Beginn seiner Ausführungen auf den spezifischen Charakter der Lernstation als ein bislang einmaliges Pilotprojekt hin. Denn Kriegsgräberstätten seien im Allgemeinen Grabstätten, auf denen Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft beerdigt sind. Geschützt durch internationales Völkerrecht gebühre den Kriegstoten ein dauerhaftes Ruherecht. Die staatliche Verpflichtung, für den Erhalt und die Pflege ihrer Gräber zu sorgen und diese als Mahnstätten zu erhalten, wurde im Jahr 1954 dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. übertragen. Die 16 Landesverbände des Volksbundes, darunter der Landesverband Hessen, seien unmittelbar an der Umsetzung dieses staatlichen Auftrages beteiligt. Sie vermittelten die von den Kriegsgräberstätten ausgehende Botschaft gegen Krieg und Gewaltherrschaft im Rahmen von unterschiedlichen Projekten. Gleichzeitig seien sie Träger der Jugend-, Schul- und Bildungsarbeit des Volksbundes und damit Mittler zwischen den Generationen. Aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gibt es allein in Hessen 1.052 Kriegsgräberstätten. Die Auswirkungen von Krieg, Nationalismus und Gewalt würden hier in eindrücklicher Weise vergegenwärtigt. Da die Anzahl der Zeitzeugen jedoch immer geringer würde, falle es heutzutage vielen Menschen schwer, die Narrative zu begreifen, die von Kriegsgräbern ausgingen. Der Landesverband Hessen im Volksbund habe sich daher zum Ziel gesetzt, einzelne Kriegsgräberstätten zu erforschen und zu Lernorten zu entwickeln. Durch seine Forschungs- und Bildungsarbeit schaffe der Landesverband Hessen Zugänge zu diesen Orten. Hartmann wies außerdem darauf hin, dass Kriegsgräberstätten, insbesondere jene, die im Inland lägen, weit davon entfernt seien, reine Soldatenfriedhöfe zu sein. Denn auf inländischen Kriegsgräberstätten sei es nicht selten, dass neben Soldaten auch Zivilisten beerdigt seien – darunter etwa Opfer des Bombenkrieges, Flüchtlinge, Opfer der NS-Justiz, Zwangsarbeiter*innen, KZ-Häftlinge, Menschen aus dem Widerstand, Kriegsgefangene oder Ermordete der NS-„Euthanasie“. Daher würden diese Kriegsgräberstätten eine Vielfalt von Perspektiven auf Krieg, Nationalismus und Gewalt bieten.

Die Lernstation Kriegsgräberstätte, die sich seit 2011 im Bildungshaus Main-Kinzig in Gelnhausen befindet, biete zahlreiche Anknüpfungspunkte für eine multiperspektivische historisch-politische Bildung. Aufgrund des regionalhistorischen Bezugs solle die Lernstation gleichzeitig Ausgangspunkt für Fragen nach den Ursachen von Gewaltprozessen vor der eigenen Haustür thematisieren.

Vor der Weiterentwicklung zur barrierearmen Lernstation habe die inhaltliche Basis ursprünglich sieben exemplarische Einzelschicksale von Toten gebildet, die auf der Kriegsgräberstätte Schlüchtern – etwa 30 Kilometer nördlich von Gelnhausen entfernt – beigesetzt seien, sowie ein Hanauer Schicksal. Die Schicksale seien im Rahmen eines Forschungsprojekts recherchiert und 2007 in der pädagogischen Handreichung „Projektmöglichkeiten auf Kriegsgräberstätten“ veröffentlicht worden. Durch die Lernstation sei neben Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen auch der Zugang zu anderen Einzelschicksalen ermöglicht worden, wie beispielsweise das der Kinder und Erwachsenen, die den Bomben zum Opfer fielen. Die Präsentation der Einzelschicksale bestehe aus jeweils drei Text- und einer bis zwei Bildtafeln zu jeder Person. Die Texttafeln stellten nicht nur das jeweilige Einzelschicksal dar, sondern böten auch weitergehende Informationen zur Einordnung in den lokal- und gesamthistorischen Kontext.


Abb.3 Hartmann 2021, Exponat vor seiner Weiterentwicklung zur barrierearmen Lernstation, Präsentation Fachtagung

Im Rahmen des Verbundprojekts „Inklusive vhs in Hessen“ wurde die Lernstation zwischen 2018 und 2020 durch den Abbau von Barrieren auch für neue Zielgruppen und Angebote nutzbar gemacht. In diesem Arbeitsprozess habe man den Vorteil gehabt, sich auf die Zugänglichkeit der Inhalte konzentrieren zu können, da das Gebäude der Bildungspartner, in dem die Lernstation beheimatet ist, bereits den baulichen Vorgaben zur Barrierefreiheit entsprochen habe. So seien die Inhalte zunächst um die Einzelschicksale zweier aus Gelnhausen stammender Opfer der sogenannten NS-„Euthanasie“ erweitert, die im Zuge der „Aktion T4“ in der Tötungsanstalt Hadamar und der Tötungsanstalt „Altes Zuchthaus“ in Brandenburg an der Havel ermordet wurden.


Abb.4 Hartmann 2021, Exponat heute. Äußerlich sichtbar sind Ergänzungen unten links und rechts in der Mitte, Präsentation Fachtagung

Im Anschluss daran informierte Alexander Wicker über die Website, die im Projektzusammenhang entwickelt wurde. Kooperiert wurde hierbei neben dem Volksbund, auch mit dem eingangs erwähnten BWMK. Zielgruppen seien sowohl Menschen mit kognitiven als auch mit visuellen und Mobilitäts-Einschränkungen gewesen. Daher sei die Lernstationen mit taktilen QR-Codes ausgestattet worden, um über die in die QR-Codes geprägte Brailleschrift auf die Website aufmerksam zu machen. Auf der Internetseite habe man die Informationen der Tafeln sowohl in Schwerer Sprache als auch in Leichter Sprache auf den zwei Niveaus A1 und A2 verfügbar gemacht. Darüber hinaus fänden Nutzer*innen auf der Website zugehörige Audiodateien, die ebenfalls in Schwerer und in Leichter Sprache sowie durch die Einbeziehung von Bildbeschreibungen die Inhalte der Lernstation zugänglich machten.


Abb.5 Wicker 2021 barrierefreie Website, die über taktile QR-Codes erreicht werden kann. Benutzer*innen werden anhand unterschiedlicher Sprachniveaus, den Hörfassungen und Audio-Bildbeschreibungen unterstützt, Präsentation Fachtagung

Im Anschluss hieran gab Wiebke Bathe einen interessanten Ausblick auf das Folgeprojekt.

Wiebke Bathe – Bildungsangebote des Folgeprojekts zur „Lernstation Kriegsgräberstätte“

Das Folgeprojekt zur Lernstation setze sich zum Ziel, die Angebote der historisch-politischen Bildung inklusiv auszuweiten. Auch würden diese Bildungsangebote auf Basis der barrierearmen „Lernstation Kriegsgräberstätte“ inklusiv entwickelt, die Konzeption der Bildungsangebote geschehe also partizipativ. Menschen mit Behinderung würden dabei wertvolle Ratgeber*innen bei der Gestaltung von Bildungsangeboten. Wie bereits bei der Lernstation selbst, sei hier eine enge Kooperation mit dem BWMK vorgesehen.

Lange Zeit habe es Bedenken bzw. das Vorurteil gegeben, dass das Thema des Nationalsozialismus oder der NS-„Euthanasie“-Verbrechen Menschen mit Behinderung oder Beeinträchtigung inhaltlich oder auch emotional überfordere. Dass dem nicht so sei, so Bathe, zeige die Erfahrung anderer Projekte. Hier habe innerhalb der Zielgruppe großes Interesse an der Thematik bestanden, sie wurde als Teil der eigenen Geschichte aufgefasst. Daher sei die Entwicklung von drei inklusiven Bildungsangeboten im Projektzeitraum vorgesehen.

Wie aber sollten diese Bildungsangebote konkret aussehen? Derzeit seien die Projektbeteiligten noch in der Phase der Ideenfindung. Hierbei stünden die Sammlung von Themen oder Themenbereichen sowie Schwerpunkten, die im nächsten Schritt in konkrete Bildungsangebote ausgearbeitet würden, im Zentrum der Überlegungen. Auf Grundlage der Inhalte der „Lernstation Kriegsgräberstätte“ habe das Projektteam derzeit folgende Themenschwerpunkte in den Blick genommen:

  1. Bedingungen und Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe für Menschen mit Behinderungen; Inklusion als Resultat sozialer Aushandlungsprozesse bzw. von Kämpfen um gesellschaftliche Teilhabe.
    Im Rahmen dieses Bildungsangebotes, so Bathe, wolle das Projektteam – in Anknüpfung an die zwei Schicksale der Lernstation, die im Rahmen der NS-„Euthanasie“ ermordet wurden – historische Wurzeln und Kontinuitäten sowie historische Perioden aufzeigen, die die Denkweise über und den Blick auf Menschen mit Behinderungen beeinflusst hätten. Hierzu zähle auch die Entwicklung der Gesetzgebung bis heute. Wie also hat sich die Gesetzgebung gewandelt? Welche sozialen Bewegungen waren involviert? Und wie ist der Stand der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention heute?
  2. Familiärer Umgang mit „Behinderungen“ früher und heute: Wie hat sich der Umgang mit dem Thema Behinderung innerhalb der Familien gewandelt? Hat er sich gewandelt? Welche Kontinuitäten gibt es generationenübergreifend? Mit Bezug der Einzelschicksale der Lernstation: Wie sind Familien mit der Ermordung ihrer Angehörigen (auch nach dem Krieg) umgegangen? Blick in die Gegenwart: Vor welchen Herausforderungen stehen Familien heute?
  3. Wie kann moderne inklusive Erinnerungskultur gestaltet werden? Folgende Fragen seien hierbei zentral: Wer bestimmt, woran wir uns erinnern? Nehmen wir die Perspektive von Menschen mit oder ohne Behinderungen ein? Wie steht es um das Bewusstsein darüber? Wie möchten Menschen mit Behinderungen gedenken? Wie können die Stimmen von Menschen mit Behinderungen sichtbar und hörbar gemacht werden?

Wie anhand der unterschiedlichen Fragenstellungen zu den Bildungsangeboten bereits deutlich würde, wolle das Projektteam die Bildungsangebote nicht nur partizipativ entwickeln, sondern auch zu Partizipation befähigen. „Wir wollen Formate entwickeln – zusammen mit Menschen mit Behinderung – in denen sie ihre eigene Form des Gedenkens entwickeln können“ so Bathe abschließend.

Resümee

Den abschließenden Worten Wiebke Bathes folgend, lässt sich eine zentrale Botschaft des Fachtags ableiten: Inklusive Lernkultur gründet auf der Voraussetzung, mit Zielgruppen zu kooperieren und diese in den Inklusionsprozess einzubeziehen. Alle Referent*innen des Fachtags, die in sehr unterschiedlichen Bildungseinrichtungen inklusive Projekte umsetzen, berichteten von der Einbindung von Betroffenengruppen, um auf Expert*innenwissen zurückgreifen zu können. „Nothing About Us Without Us!“ – so der Titel des Buches, das von dem Behindertenrechts-Aktivisten James Charlton 1998 veröffentlicht wurde.

Darüber hinaus muss Inklusion aufgrund der Vielfalt von menschlichen Bedürfnissen als offener und niemals abgeschlossener Prozess betrachtet werden. Es wäre also falsch daran zu glauben, dass mit einem Projekt eine vollkommen inklusive Institution geschaffen werden könne. Ziel wird immer sein, sich Inklusion so weit wie möglich anzunähern. Wichtig sei vor allem, sich auf den Weg zu machen, so die einhellige Meinung aller Beteiligten am Fachtag. Das Zitat von Richard von Weizsäcker schwingt dabei immer mit: „Für Menschsein gibt es keine Norm“.

 

 

Kategorie: Fachtage;Berichte;Erfahrungsaustausch
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