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„Wir wollen Möglichkeitsräume eröffnen“

28.09.2023   |   Autor*in: Manfred Kasper

Die Akademie Himmelreich qualifiziert Menschen mit Behinderung zu Kursleiterinnen und Kursleitern für die Erwachsenenbildung.

Kirchzarten ist die größte Gemeinde des Dreisamtals und ein lebhaftes Zentrum zwischen Schwarzwaldgipfeln und der Stadt Freiburg. Der Ort ist zugleich Sitz der Akademie Himmelreich, die sich der Bildungsarbeit mit dem Schwerpunkt Inklusion verschrieben hat. Dabei geht es beispielsweise um berufsvorbereitende Maßnahmen, mit denen junge Erwachsene – hauptsächlich mit kognitiver Beeinträchtigung – für den ersten allgemeinen Arbeitsmarkt qualifiziert werden. Seit 2022 wird hier auch das Projekt „Barrierefreies Lernen in der Erwachsenenbildung“ (BaLiE) realisiert, das in gewisser Weise Neuland betritt, sind vergleichbare Ansätze bislang doch eher selten.

Markus Wolf ist seit Februar 2023 Leiter der Akademie Himmelreich. Er bringt die Idee des Projekts wie folgt auf den Punkt: „Uns geht es darum, Potenziale zu wecken. Das tun wir, indem wir Menschen mit Beeinträchtigungen zur Kursleiterin oder zum Kursleiter an der Volkshochschule qualifizieren. In der Regel sind das Menschen, die zwar Beeinträchtigungen aufweisen, zugleich aber Expertin oder Experte für einzelne Fachgebiete sind und ihr Handwerk und Wissen gerne an andere weitergeben. Unser Ziel ist es, die Teilnehmenden in ihrer Selbstkompetenz zu stärken, damit sie als Kursleitende wettbewerbsfähig werden. Begleitend wollen wir über ein Vernetzungsforum auch andere Einrichtungen für das Thema Barrierefreiheit in der Erwachsenenbildungslandschaft sensibilisieren.“
 

Strukturelle und technische Barrieren abbauen

BaLiE basiert auf dem Grundgedanken, dass Menschen mit Behinderung in den Einrichtungen der öffentlichen Erwachsenenbildung zu wenig präsent sind. Um dies zu ändern, sollen strukturelle und technische Barrieren abgebaut und neue Wege der Teilhabe und Teilgabe geschaffen werden. Dazu kooperiert BaLiE mit den Volkshochschulen, in denen die neu ausgebildeten Kursleiterinnen und Kursleiter künftig tätig sein sollen. Die Ausbildungsinhalte orientieren sich am GRETA-Kompetenzmodell für Lehrende in der Erwachsenenbildung des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE).

Projektkoordinatorin Tabea Schweizer betont, dass Interessierte vor allem die Lust mitbringen sollten, als Kursleitung aufzutreten und ihre Handlungskompetenzen zu vermitteln: „Das können handwerkliche Fähigkeiten wie Stuhlflechten oder Klöppeln sein, es gibt aber auch Teilnehmende, die Gedichte schreiben und das gerne im Rahmen der Erwachsenenbildung weitergeben wollen.“ Das Angebot ziele vor allem auf die Aufgabe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer als Lehrende ab: von der Methodik und Didaktik über die Kursplanung bis zur Selbstregulation und zum Umgang mit digitalen Lernwelten.
 

Analoge und digitale Angebote

Angelegt ist das Kursmodell als umfassendes Blended Learning-Konzept. Es umfasst sowohl Schulungen vor Ort als auch digitale Angebote. Kernelement des Blended Learning-Konzepts ist eine barrierearme Lernwebsite, die speziell für das Projekt entwickelt wurde. Das ermöglicht es den Teilnehmenden verstärkt, im eigenen Tempo und mit eigenen Schwerpunkten lernen zu können. Dabei profitierte Schweizer von den Erfahrungen eines Vorgängerprojekts, das in den Jahren 2018 bis 2021 gemeinsam mit der Volkshochschule für alle im Dreisamtal durchgeführt wurde. War der Fokus seinerzeit noch vorwiegend regional und auf Präsenzschulungen ausgerichtet, so arbeitet BaLiE nun auch eng mit anderen Akteuren wie dem Volkshochschulverband Baden-Württemberg und dem Studiengang Erwachsenenbildung an der Pädagogischen Hochschule Freiburg zusammen.

Für Schweizer spielt der Aspekt Selbstwirksamkeit eine wichtige Rolle bei der Umsetzung des Projekts. Ausgehend von den Potenzialen der Teilnehmenden stärken wir die Kompetenzen, die diese brauchen, um als Kursleitung vor anderen Menschen stehen zu können und Wissen zu vermitteln.“ Gerade bei Menschen mit Behinderung sei dies nicht selbstverständlich, zumal es bislang nur wenige Vorbilder gebe. Daher brauche es Empowerment, um die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für ihre Rolle fit zu machen.
 

Gelebte Inklusion

Markus Wolf glaubt, dass es für viele Menschen eine prägende Erfahrung ist, sich auf eine derartige Lernsituation einzulassen. Dabei rücke die Behinderung in den Hintergrund, das Selbstbewusstsein wachse. Dazu Wolf: „Wir möchten, dass diese Menschen ganz anders auftreten und arbeiten können und vor allem auch ganz anders wahrgenommen werden, denn sie erfahren nicht nur Teilhabe, sondern auch Teilgabe. Für mich ist das gelebte Inklusion.“

Aktuell befindet sich BaLiE noch in der Planungsphase, der erste Qualifizierungskurs soll im Januar 2024 starten. Damit verbunden ist die Hoffnung, nachhaltige Strukturen zu etablieren und auch den Trägern der Erwachsenenbildung neue Impulse in Sachen Inklusion, Teilhabe und Barrierefreiheit zu geben. So könne die Zielgruppe der Volkshochschulen beispielsweise durch gezielte Kooperationen mit Einrichtungen der Behindertenhilfe erweitert werden. Damit ließen sich Synergieeffekte wie ein erweitertes Bildungsangebot der Behindertenhilfe oder gemeinsame Raumnutzungen erzielen.

Dazu beitragen könnte auch der zweite Baustein des Projekts – der Aufbau eines überregionalen Vernetzungsforums für inklusive und barrierefreie Angebote in der Erwachsenenbildung. „Mit dem Netzwerk wollen wir einerseits unterschiedliche Perspektiven in BaLiE einbinden, zum anderen aber auch für das Thema Inklusion in der Erwachsenenbildung sensibilisieren“, so Tabea Schweizer. Ein erstes Treffen fand im Juli 2023 statt, perspektivisch soll das Netzwerk weiter ausgebaut werden. Interessierte seien dabei jederzeit willkommen.
„Natürlich gibt es schon eine Vielzahl guter Ansätze zum Thema Inklusion“, bekräftigt Markus Wolf abschließend. „Das Neue bei uns ist, dass wir die Betroffenen selbst zu Vermittlern machen. Dabei schaffen wir Möglichkeitsräume mit Blick auf die einzelne Person. Unser Credo ist nicht, dass es gelingt, sondern wie es gelingt.“

Der Originalbeitrag von Manfred Kasper ist ursprünglich auf EPALE (Elektronische Plattform für Erwachsenenbildung in Europa) erschienen.

 

Kategorie: Erfahrungsaustausch;Menschen;Tipps_und_Tricks
Schlagwörter: Akademie_Hofgut_Himmelreich  |    |  BaLiE  |    |  inklusive_Lernkultur





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