Inklusion in der Erwachsenenbildung bedeutet mehr, als Angebote formal für alle zu öffnen. Sie verlangt, reale Zugangshürden ernst zu nehmen und Bildungsformate entsprechend anzupassen. Ein Beispiel dafür ist der vhs-Kurs „Zumba – Tanzen im Sitzen“, der in einer Wohnanlage für Menschen mit Behinderung in Frankfurt durchgeführt wurde. Aufbauend auf dem Tanz- und Fitnesskonzept Zumba entstand ein Bewegungsangebot, das Rhythmus, Aktivierung und Gemeinschaft auch für Menschen mit stärkeren körperlichen und teilweise kognitiven Einschränkungen erfahrbar machte.
Ziel war es, ein niedrigschwelliges Angebot zu schaffen, das Teilhabe ermöglicht, wo reguläre Kursformate faktisch schwer erreichbar sind. Viele Bewohnerinnen und Bewohner solcher Einrichtungen können externe Angebote nur mit großem organisatorischem Aufwand wahrnehmen. Fragen der Mobilität, fehlende Assistenz, Transportprobleme oder Unsicherheiten in neuen Umgebungen wirken als reale Barrieren. Der Kurs reagierte darauf mit einem aufsuchenden Ansatz: Nicht die Teilnehmenden kamen zur Volkshochschule – die Volkshochschule kam zu ihnen.
Das Kurskonzept war konsequent auf die Bedarfe der Gruppe abgestimmt. Sämtliche Bewegungen wurden im Sitzen durchgeführt und konnten individuell variiert werden. Klare, wiederkehrende Abläufe gaben Orientierung und Sicherheit, Musik strukturierte die Einheiten und wirkte motivierend. Die Kursleitung legte großen Wert auf positive Rückmeldungen und würdigte jede Form der Beteiligung. Auch kleine Bewegungen galten als Erfolg.
So entstand eine Atmosphäre, die von Freude, Aktivierung und Gemeinschaft geprägt war. Bewegung wurde nicht leistungsorientiert vermittelt, sondern als gemeinsames Erlebnis. Neben motorischen Impulsen förderte der Kurs sichtbar das Selbstwertgefühl der Teilnehmenden. Für viele war es zudem das erste Mal, dass sie ein offiziell als vhs-Kurs ausgewiesenes Angebot besuchten – ein Aspekt, der das Gefühl gesellschaftlicher Zugehörigkeit deutlich stärkte.
Gerade weil das Projekt so überzeugend wirkt, ist eine kritische Einordnung unerlässlich. Die zentrale Frage lautet: Ist ein Kurs innerhalb einer spezialisierten Wohnform tatsächlich inklusiv – oder reproduziert er bestehende Segregationsstrukturen?
Aus inklusionstheoretischer Perspektive ist diese Frage berechtigt. Inklusion zielt langfristig auf gemeinsame Lernräume, in denen Menschen mit und ohne Behinderung selbstverständlich zusammenkommen. Ein Angebot, das innerhalb einer Einrichtung stattfindet und sich an deren Bewohnerinnen und Bewohner richtet, schafft zunächst keinen solchen gemeinsamen Sozialraum. Im ersten Durchlauf fand keine Durchmischung mit nicht behinderten Teilnehmenden statt. Damit blieb die soziale Reichweite des Projekts begrenzt.
Es besteht die Gefahr, dass aufsuchende Angebote unbeabsichtigt institutionelle Sonderräume stabilisieren. Wenn Bildungsangebote dauerhaft innerhalb spezialisierter Strukturen verbleiben, könnte sich eine parallele Bildungswelt etablieren – qualitativ hochwertig, aber räumlich und sozial getrennt. In diesem Fall würde Inklusion zwar individuell erlebt, strukturell jedoch nicht vollständig eingelöst.
Gleichzeitig wäre es jedoch verkürzt, das Projekt allein unter diesem Aspekt zu bewerten. Denn eine rein formale Öffnung externer Kurse nützt wenig, wenn faktische Barrieren bestehen bleiben. Wer aufgrund komplexer Unterstützungsbedarfe realistisch keine Möglichkeit hat, reguläre Angebote wahrzunehmen, bleibt ohne aufsuchende Formate weiterhin ausgeschlossen. In diesem Spannungsfeld bewegt sich das Projekt: zwischen pragmatischer Ermöglichung von Teilhabe und dem Anspruch auf strukturelle Durchmischung.
Das Projekt kann deshalb als Best Practice gelten, wenn es als Teil eines umfassenderen inklusiven Gesamtkonzepts verstanden wird – nicht als abgeschlossene Lösung. Entscheidende Kriterien sind die offizielle Einbindung in das reguläre vhs-Programm, die Sicherung gleicher Qualitätsstandards wie bei externen Kursen sowie eine transparente Begründung der Durchführung vor Ort aufgrund realer Zugangsbarrieren.
Aufsuchende Angebote sollten Brückenfunktion haben: Sie können Vertrauen aufbauen, Bewegungserfahrungen ermöglichen und Selbstvertrauen stärken – mit dem Ziel, perspektivisch auch Begegnungsräume im Sozialraum zu eröffnen. Perspektivisch sind gemischte Kursformate geplant, Kooperationen oder Veranstaltungen, die über das reguläre Buchungssystem zugänglich sind und bewusst Begegnung fördern.
Der Kurs „Zumba – Tanzen im Sitzen“ zeigt, dass Inklusion nicht immer unmittelbar über vollständige räumliche Durchmischung erreicht werden kann. Unter bestimmten Bedingungen kann ein Angebot innerhalb einer Einrichtung ein wichtiger Zwischenschritt zu mehr Teilhabe sein – insbesondere für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf.
Gleichzeitig macht das Projekt deutlich, dass inklusive Bildungsarbeit kontinuierliche Reflexion erfordert. Aufsuchende Formate dürfen nicht zum Ersatz für strukturelle Öffnung werden, sondern sollten als Brückenelement verstanden werden. Wenn diese Perspektive mitgedacht wird, entsteht aus einem lokalen Bewegungsangebot ein strategischer Baustein für mehr gesellschaftliche Teilhabe – getragen von Pragmatismus, Qualitätsanspruch und dem klaren Ziel, Barrieren langfristig abzubauen.
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Gemeinsam planen statt nur befragen: Partizipative Angebotsentwicklung an Volkshochschulen
Bildung für alle – aber auch für jede*n?
Hierbleiben… Spuren nach Grafeneck
„Teilhabe VEREINfacht“ – Ein Rückblick auf den Fachtag zur Inklusion im Verein

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