Wie können Volkshochschulen Angebote entwickeln, die wirklich alle erreichen? Eine vielversprechende Antwort liefert das Konzept der partizipativen Angebotsentwicklung. Statt Zielgruppen lediglich zu analysieren, werden potenzielle Teilnehmende – hier Menschen mit Behinderungen – aktiv in die Planung und Gestaltung von Kursen einbezogen.
Ausführlich beschrieben wird dieser Ansatz im Beitrag von Barbara Dietsche und Susanne Bell in der Ausgabe 1/2025 der Zeitschrift für Erwachsenenbildung und Behinderung. Ihr Artikel zeigt, wie Beteiligung systematisch gestaltet werden kann – und warum sie mehr ist als eine methodische Ergänzung.
Partizipative Angebotsentwicklung folgt einem klaren Grundgedanken: Angebote sollen nicht über, sondern mit den Menschen entwickelt werden, für die sie gedacht sind. Dieser Ansatz knüpft an das Behindertenrechtsprinzip „Nichts über uns ohne uns!“ an.
Im Unterschied zu klassischen Bedarfsanalysen, die häufig auf Befragungen oder statistischen Auswertungen beruhen, geht es hier um echte Mitgestaltung und Mitentscheidung. Potenzielle Teilnehmende bringen ihre Perspektiven nicht nur als „Datenquelle“ ein, sondern als aktive Mitentwicklerinnen und Mitentwickler. Ziel ist es, Angebote so zu konzipieren, dass sie möglichst vielen Menschen offenstehen – inhaltlich, organisatorisch und kommunikativ.
Der Prozess beginnt mit einer sorgfältigen Vorbereitung. Themenimpulse können aus unterschiedlichen Quellen stammen: Kooperationspartner, Rückmeldungen von Kursleitenden, gesellschaftliche Debatten oder konkrete Nachfrage. Aus diesen Impulsen wird ein vorläufiges Kurskonzept entwickelt, das Lernziele, Inhalte, Zielgruppen sowie organisatorische Rahmenbedingungen beschreibt.
Wichtig ist dabei, eine verständliche und zugängliche Diskussionsgrundlage zu schaffen. Fachjargon oder unklare Formulierungen können bereits erste Barrieren darstellen. Das Konzept dient nicht als fertiger Plan, sondern als Ausgangspunkt für einen dialogischen Prozess.
Im Zentrum der partizipativen Angebotsentwicklung stehen Fokusgruppen in Anlehnung an die durch Tippelt et al. im Rahmen des Millieumarketing beschriebenen „Produktkliniken“. Anders als bei einer rein theoretischen Bedarfserhebung kommen hier unterschiedliche Akteurinnen und Akteure an einen Tisch: potenzielle Teilnehmende, Kursleitende, pädagogische Planerinnen und Planer der Volkshochschule sowie gegebenenfalls Kooperationspartner aus der Behindertenhilfe oder anderen Netzwerken.
In diesen Runden wird gemeinsam geprüft, ob Inhalte verständlich sind, ob Ankündigungstexte klar formuliert wurden und welche Zugangshürden bestehen könnten – etwa bei der Anmeldung, der Erreichbarkeit des Kursortes oder im Hinblick auf Assistenzbedarfe. Auch didaktische Fragen und organisatorische Rahmenbedingungen werden offen diskutiert.
Entscheidend ist, dass Rückmeldungen nicht folgenlos bleiben. Die Vorschläge aus den Fokusgruppen müssen sichtbar in die Überarbeitung des Konzepts einfließen. Nur so entsteht ein glaubwürdiger Feedback-Zyklus, der Beteiligung ernst nimmt.
Nach der Überarbeitung wird das Angebot als Pilotkurs ausgeschrieben – beispielsweise im regulären Programm oder in einer gesonderten inklusiven Broschüre. Dabei können unterstützende Maßnahmen wie Assistenz, Materialien in Leichter Sprache oder besonders transparente Anmeldeverfahren vorgesehen werden.
Auch nach der Durchführung endet der Beteiligungsprozess nicht. In einer Evaluation wird reflektiert, was gut funktioniert hat und wo weiterhin Barrieren bestehen. Diese Rückmeldungen fließen wiederum in die Weiterentwicklung ein. Auf diese Weise entsteht ein lernendes System, das kontinuierlich an Zugänglichkeit gewinnt.
Dietsche und Bell beschreiben ein mehrstufiges Wirkungsmodell: In der ersten Phase steht der konkrete Beteiligungsprozess in den Fokusgruppen. Daraus entstehen Kurskonzepte, die auf realem Feedback basieren.
Darüber hinaus zeigen sich weiterreichende Effekte: Teilnehmende erleben niedrigschwellige Teilhabe und echte Mitgestaltung. Planende und Kursleitende erweitern ihre Kompetenzen im Umgang mit Vielfalt und entwickeln ein geschärftes Bewusstsein für strukturelle Barrieren. Langfristig kann sich so eine inklusive Haltung in der gesamten Organisation verankern. Inklusion wird nicht als Zusatzaufgabe verstanden, sondern als selbstverständlicher Bestandteil professioneller Erwachsenenbildung.
Partizipation braucht Struktur. Ein klar definierter Prozess, die konsequente Einbindung der Zielgruppe in allen Planungsphasen und eine offene, reflektierte Haltung der Beteiligten sind zentrale Erfolgsfaktoren. Ebenso wichtig ist die Nutzung bestehender Netzwerke und Kooperationen, um unterschiedliche Perspektiven einzubinden.
Gleichzeitig bringt der Ansatz Herausforderungen mit sich. Die Koordination heterogener Beteiligter erfordert Zeit und Ressourcen. Organisatorische Fragen – etwa zu Assistenz, Finanzierung oder Anmeldeverfahren – können komplex sein. Zudem besteht immer die Gefahr, unbeabsichtigt stereotype Zuschreibungen zu reproduzieren, wenn Zielgruppen vorschnell homogen gedacht werden. Genau deshalb ist ein kontinuierlicher Reflexionsprozess unerlässlich.
Partizipative Angebotsentwicklung ist weit mehr als eine Methode. Sie ist Ausdruck einer inklusiven Haltung und eines demokratischen Bildungsverständnisses. Volkshochschulen, die diesen Weg gehen, stärken nicht nur die Zugänglichkeit ihrer Angebote, sondern auch ihre Rolle als Orte gesellschaftlicher Teilhabe.
Indem Lernende zu Mitgestaltenden werden, entsteht eine neue Qualität der Erwachsenenbildung: dialogisch, reflektiert und offen für Vielfalt. Wenn Fokusgruppen, Feedback-Schleifen und transparente Prozesse konsequent umgesetzt werden, können Angebote entstehen, die nicht nur gut gemeint sind – sondern wirklich für alle zugänglich.
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„Teilhabe VEREINfacht“ – Ein Rückblick auf den Fachtag zur Inklusion im Verein

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