Wie kann historisch-politische Bildung so gestaltet werden, dass sie für möglichst viele Menschen zugänglich ist – unabhängig von körperlichen und geistigen Fähigkeiten, Lernvoraussetzungen oder bisherigen Bildungserfahrungen?
Diese Frage stand im Zentrum des Online-Fachtags "Bildung für alle – aber auch für jede*n? Vom Konzept zur Praxis: Gelingensbedingungen inklusiver historisch-politischer Bildung", der am 20. November 2025 auf der vhs.cloud stattfand. Fachkräfte aus Volkshochschulen, Gedenkstätten, Museen, Verbänden und Bildungseinrichtungen tauschten sich über Erfahrungen, Herausforderungen und konkrete Praxisansätze aus.
Zentrale fachliche Impulse kamen aus der Gedenkstättenarbeit:
- Kathrin Bauer (Gedenkstätte Grafeneck) stellte neue inklusive Ansätze vor und berichtete über die Zusammenarbeit mit Begleiter*innen die "Grafenschrecks".
- Lisa Quaeschning (Gedenkstätten Brandenburg an der Havel) präsentierte unter dem Titel „Inklusive Angebote: Von Menschen mit Lernschwierigkeiten für Menschen mit und ohne Lernschwierigkeiten“ ein erprobtes Bildungsformat, in dem Menschen mit Lernschwierigkeiten als aktive Gestalter*innen historisch-politischer Bildungsangebote beteiligt sind.
Die vorgestellten Beispiele machten deutlich, wie Inklusion in der Erinnerungskultur praktisch umgesetzt werden kann – und welche strukturellen, didaktischen und organisatorischen Voraussetzungen dafür notwendig sind.
Ein zentrales Ergebnis des Fachtags ist die folgende Checkliste zur Planung und Durchführung inklusiver historisch-politischer Bildungsangebote. Sie wurde gemeinsam von den Teilnehmenden erarbeitet und bündelt praktische Erkenntnisse aus der Bildungsarbeit, der Gedenkstättenpädagogik und inklusiven Projekten.
Die Checkliste versteht sich nicht als starres Regelwerk, sondern als Arbeitsinstrument, das zur Reflexion, Weiterentwicklung und bewussten Gestaltung inklusiver Angebote anregen soll.
Inklusive historisch-politische Bildung bedeutet mehr als barrierefreie Zugänge oder vereinfachte Sprache. Sie erfordert eine inklusive Haltung, eine kritische Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen und die Bereitschaft, Lernprozesse gemeinsam mit den Teilnehmenden zu gestalten.
Die Checkliste hilft dabei,
- unterschiedliche Bedarfe frühzeitig mitzudenken,
- Barrieren sichtbar zu machen,
- Beteiligung und Teilhabe systematisch zu verankern,
- die eigene didaktische Praxis zu reflektieren und
- Inklusion als Organisationsaufgabe zu begreifen.
Erarbeitet von den Teilnehmenden des Online-Fachtags am 20. November 2025
1. Zugänglichkeit & Barrierearmut
1.1 Wahrnehmung unterschiedlicher Bedürfnisse
- Nicht sichtbare Beeinträchtigungen berücksichtigen (z.B. Neurodivergenz, psychische Belastungen).
- Sensibilität für Licht, Lautstärke sowie enge oder weite Räume entwickeln.
- Widersprüchliche Bedarfe mitdenken:
- Helles Licht kann für sehbeeinträchtigte Menschen hilfreich sein, für Menschen im Autismusspektrum jedoch belastend.
- Behinderungsübergreifend denken und gleichzeitig spezifische Bedarfe ernst nehmen.
1.2 Sprache & Kommunikation
- Leichte, einfache und klare Sprache verwenden.
- "Leichte Sprache" nur einsetzen, wenn eine Prüfgruppe beteiligt ist.
- Ansonsten bewusst von „leicht verständlicher Sprache“ sprechen.
- Zugänglichkeit in der Öffentlichkeitsarbeit selbstverständlich kommunizieren – ohne sich selbst als besonders „inklusiv“ zu inszenieren.
- Den Begriff „Inklusion“ reflektiert verwenden und gegebenenfalls bewusst darauf verzichten.
1.3 Sichtbarkeit von Barrieren
- Barrieren offen benennen – auch jene, die aktuell nicht abgebaut werden können.
- Bestehende Barrieren gemeinsam mit den Teilnehmenden thematisieren und diskutieren.
1.4 Zugänglichkeit von Organisation & Arbeitsbedingungen
- In Stellenausschreibungen nicht nur prüfen, ob Menschen zur Stelle passen, sondern auch, wie Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen anpassbar gestaltet werden können.
- Marketing- und Öffentlichkeitsarbeit inklusiv denken.
2. Didaktik & Beteiligung
2.1 Planung & Beteiligung
- Zielgruppen frühzeitig einbeziehen – auch bei Antragsstellung und Ressourcenplanung.
- Verantwortlichkeiten klar benennen und mehrere Personen aktiv beteiligen.
- Teams der beteiligten Einrichtungen einbeziehen und Transparenz in allen Projektphasen schaffen.
- Gebärdensprachdolmetschende in Ausschreibungen mitdenken, frühzeitig organisieren und die Kosten realistisch einkalkulieren sowie offen kommunizieren.
2.2 Didaktische Gestaltung
- Multiperspektivität ermöglichen.
- Exkursionen und Lernorte kontextualisieren, um historische Zusammenhänge verständlich zu machen.
- Grundsatzfragen klären:
- Sind spezifische Angebote für bestimmte Einschränkungsbereiche sinnvoll?
- Oder Formate, die möglichst viele Menschen einschließen?
- Kreative Zugänge ermöglichen (z.B. Kunst, Musik, haptische Methoden).
- Verschiedene Sinne ansprechen (z.B. mit mobilen Ausstellungen oder "Koffermuseen").
- Biografische Zugänge und regionale Bezüge nutzen.
- Dialogorientierte, diskursive und selbsterkundende Methoden einsetzen.
- Fragen stellen statt theoretisieren.
- Empowerment stärken.
- Offenheit für unterschiedliche Formen der Beteiligung.
- Tandems bilden.
- Keine Scheu vor direkten Fragen an Menschen mit Lernschwierigkeiten.
2.3 Umgang mit Teilnehmenden
- Alles zulassen, was von Teilnehmenden kommt, Impulse wertschätzen und gegebenenfalls moderierend strukturieren.
- Freiräume für eigene Zugänge von Guides und Teilnehmenden lassen.
- Empathie und Vorausschau bei der Auswahl von Lernorten: abschätzen, wie diese wahrgenommen werden könnten.
2.4 Motivation & Outreach
- Träger der Behindertenhilfe gezielt ansprechen und einbinden:
- Kooperationen aufbauen,
- den konkreten Nutzen verdeutlichen,
- langfristige Beziehungen pflegen.
3. Kooperation & Haltung
3.1 Haltung & Selbstverständnis
- "Ausnahmen sind hier die Regel" – Flexibilität ermöglichen.
- Zeit einplanen und sich vom reinen Effizienzdenken lösen.
- Offenheit gegenüber Zielen, Wegen und Ergebnissen.
- Keine Angst vor dem Scheitern haben.
- Fehlerkultur etablieren:
- Kritik an fehlender Barrierefreiheit annehmen statt abwehren.
- Nicht nur aus eigener Betroffenheit argumentieren, sondern den Gegenwartsbezug herstellen:
- Was bedeutet das heute?
3.2 Machtkritik & Teilhabe
- Menschen mit Behinderungen als Expert*innen in eigener Sache einbinden:
- frühzeitig ins Team holen oder als Beirat beteiligen.
- Den Grundsatz „Nicht über uns ohne uns“ ernst nehmen.
- Deutungs- und Entscheidungsmacht teilen.
- Menschen mit Behinderungen nicht auf ihre Behinderung reduzieren, sondern Fähigkeiten, Interessen und Professionalität anerkennen – inklusive bezahlter Arbeit.
3.3 Inklusive Organisationsstrukturen
- Inklusion als Aufgabe der gesamten Organisation verstehen.
- Keine exklusiven Sonderangebote schaffen, sondern inklusive Strukturen für alle entwickeln.
- Fehlende Diversität und Partizipation in Bildungsstrukturen thematisieren (z.B. Teamzusammensetzung, Hierarchien, Kommunikation).
- Beziehungsarbeit und Räume der Selbstverantwortung fördern.
- Unterstützung durch erfahrene Organisationen aktiv einholen.
3.4 Finanzierung & Förderlogiken
- Förderstrukturen kritisch hinterfragen:
- Wenn Inklusion gewollt ist, muss sie auch finanziert werden dürfen.
4. Grundsatzfrage
- Inklusive historisch-politische Bildungsangebote müssen sich an den tatsächlichen Bedarfen und Interessen von Menschen mit Behinderungen orientieren – nicht an Annahmen über diese.
Die Checkliste ist ein gemeinsames Arbeitsergebnis und ausdrücklich offen für Weiterentwicklung. Sie lädt dazu ein, eigene Bildungsangebote zu überprüfen, neue Kooperationen einzugehen und Inklusion als kontinuierlichen Lernprozess zu verstehen.
Wenn Sie die Checkliste in Ihrer Praxis einsetzen oder weiterentwickeln, freuen wir uns über Rückmeldungen und Erfahrungen. Denn inklusive Lernkultur entsteht dort, wo Wissen geteilt, Perspektiven erweitert und Bildung gemeinsam gestaltet wird.
Ankündigung
Berichte
Erfahrungsaustausch
Fachtage
Menschen
Publikationen
Tipps und Tricks
Veranstaltungen
Checkliste zur Konzeption inklusiver historisch-politischer Bildungsangebote
Bildung für alle – aber auch für jede*n?
Hierbleiben… Spuren nach Grafeneck
„Teilhabe VEREINfacht“ – Ein Rückblick auf den Fachtag zur Inklusion im Verein
Rückblick: Fachtag „Bildung für alle – aber auch für jede*n?“

Zentrum für inklusive Lernkultur der Bildungspartner Main-Kinzig
und des Behindertenwerks Main-Kinzig
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